Piano Activo im Gespräch mit Jan-Geert Wolff im März 2013

Maximilian Rüb und Jörg Scholkowski, der eine 22, der andere 24 Jahre alt – beide eint die Liebe zur Musik, die vor allem in der gemeinsamen Zeit im Windsbacher Knabenchor geweckt wurde. Beide haben hier gesungen, aber was für sie heute genauso wichtig ist: Sie haben beide Klavier gespielt – Jörg hatte Unterricht, Maximilian ist Autodidakt. Heute spielen sie zusammen als Improvisationsduo „Piano Activo“.

 

Zwei Musiker an einem Klavier? Aber ja! Und zwar nicht mit Max Regers Bearbeitungen der Brandenburgischen Konzerte Bachs oder seiner Orchestersuiten für vier Hände. Denn die sind ja notiert, sprich: Von dieser Musik gibt es eine Partitur. Jörg und Maximilian spielen nicht nach Noten, sie spielen „nur“ Klavier. Improvisation nennt man das, wenn man sozusagen einfach so, wenn auch nicht ohne Plan drauf los spielt. Das ist an sich nichts Neues und es gibt großartige Künstler, die in diesem Genre für Furore sorgen: die Pianistin Gabriela Montero beispielsweise. Aber sie ist eben alleine – Jörg und Maximilian sind zu zweit. Und improvisieren.

 

Das kann natürlich nur funktionieren, wenn beide Musiker das gleiche fühlen, tatsächlich auf einer Wellenlänge kommunizieren. Und hier kommt wieder die Zeit in Windsbach ins Spiel, wo beide für die Musik und ihre Kraft sensibilisiert wurden. Im Ensemble haben sie gelernt, einem gemeinsamen Gedankengang zu folgen und dadurch Musik entstehen zu lassen, die über die gesetzte Note hinaus geht.

 

Freilich hat man im Knabenchor nach Noten gesungen – gespielt wird heute aber frei. Und zwar alles, um es etwas flapsig auszudrücken, „was bei 3 nicht auf den Bäumen ist“: Aufgegriffen werden einzig Themen, sei es aus der Klassik oder Unterhaltungsmusik, seien es Märsche oder Werbejingles, Kirchenlieder oder Filmmusik. Am Anfang gibt es die Idee, alles andere entsteht wortwörtlich als „work in progress“.

 

Bevor man sich das ganze genauer anschaut oder noch besser anhört, ist die Geschichte, wie es zur Gründung von „Piano Activo“ kam, interessant: Es begann tatsächlich mit dem berühmten „Flohwalzer“, den so gut wie jeder Klaviereleve schon mal geklimpert hat. Im Hans Thamm-Saal des Windsbacher Knabenchores saß einer der beiden – Jörg und Maximilian erinnern sich gar nicht mehr, wer von ihnen zuerst in die Tasten griff – am Flügel und spielte eben jenen Ohrwurm. Der andere setzte sich dazu und haute ebenfalls in die Tasten.

 

Der Gedanke war gedacht und fand auf einer Konzertreise der Windsbacher nach China seine Fortsetzun: In einer Konzerthalle, in der der Chor auftrat, standen ein paar verstimmte Klaviere herum und die beiden Freunde nutzten eine Pause, um gemeinsam zu spielen, eben zu improvisieren. „Eigentlich mehr als Witz“, erinnern sie sich heute. Der jedoch ankam, denn es dauerte nicht lange und es scharten sich Grüppchen begeisterter Chinesen um die Instrumente, um dem Spiel der beiden zu lauschen. Das Ganze fand seine Fortsetzung in örtlichen Musikgeschäften auf weitaus besseren Instrumenten, stets jedoch mit einer begeisterten Zuhörerschaft.

 

War das die Geburtsstunde von „Piano Activo“? Die inoffizielle, könnte man sagen, denn der erste „Auftritt“ in der Heimat fand anlässlich eines Konzerts des Bruckberger Kirchenchores statt, den Maximilian heute leitet. Ein klitzekleines Gastspiel mit enormer Wirkung, denn zahlreiche Zuhörer kamen nach der Vorstellung auf die beiden zu und ermunterten sie, das doch weiter zu machen: „Diesen Hype haben wir bis heute noch nicht richtig verstanden“, meint Maximilian.

 

Den Wink mit dem Zaunpfahl hatten die beiden Musikanten jedoch verstanden und benannten sich 2012 nach dem Titel eines ihrer Stücke: „Piano Activo“. Schnell war eine eigene Homepage (www.piano-activo.de) eingerichtet, denn auch nach der Weihnachtsfeier des Münsterchors von Wolfram-Eschenbach 2011, den Jörg neben seinem Studium der Orgelpädagogik an der Regensburger Musikhochschule leitet, war die Resonanz großartig. Man fragte sogar bereits nach einer CD, die Jörg und Maximilian mittlerweile auf ihrer Website anbieten. Dass dieser Tonträger mit dem vielsagenden Titel „Musikalische Schlachtschüssel“ an einigen Stellen etwas holprig klingt, ist durchaus gewollt, denn aalglatte Pianomusik ist nicht das Anliegen von „Piano Activo“. „Blue notes“ sind also Programm, wenn das Thema von Beethovens „Für Elise“ in den Partyklassiker „Das rote Pferd“ mündet oder Charpentiers „Te Deum“ mit „My bonnie is over the ocean“ oder „So nimm denn meine Hände“ wechselt.

 

Wie funktioniert das denn nun mit der Improvisation? „Wichtig ist, dass wir das gleiche fühlen, wenn wir Musik machen, das selbe Gespür für Klänge haben“, versucht Jörg das zu erklären, was sich eigentlich jeder Analyse entzieht: Beide einigen sich auf ein Thema, aus dem dann das zu spielende Stück erwächst, das sich durchaus von der Vorgabe wegbewegen kann und das auch meist tut. „Viel entsteht aus spontanen Ideen“, beschreibt Maximilian das gemeinsame Musizieren – mal spielt der eine oben, mal der andere. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass während der Darbietung – für das Publikum unhörbar – diskutiert wird, wenn die obere Stimme nicht das macht, was die untere vorgibt. Oder umgekehrt.

 

Wie man auf der 2012 in verschiedenen Räumen des Windsbacher Chorzentrums aufgenommenen CD hören kann, kommt das aber äußerst selten vor. Der Anspruch des Spiels von „Piano Activo“ liegt ja auch weniger in der Perfektion der Wiedergabe als vielmehr im Moment des Musizierens: „Wir spielen nicht fehlerfrei, aber live“, grinst Maximilian und baut eher auf das Spektrum der Programme als auf den reinen Wohlklang, den sich der Purist in entsprechenden Konzerten oder auf CD anhören mag: „Wir wollen Musik erlebbar machen – für den Moment, ohne sich an eine Partitur binden zu müssen.“ Und augenzwinkernd fügt er hinzu: „Nach Noten spielen kann doch jeder.“

 

Wer sich von der Qualität von „Piano Activo“ überzeugen möchte, kann mal bei www.youtube.de den Namen des Duos eingeben. Dort ist auch ein Ausflug auf die Orgel zu sehen und zu hören. Wobei Jörg und Maximilian eindeutig dem Klavier den Vorzug geben: Es hat 88 und damit mehr Tasten als die „Königin der Instrumente“. Und irgendwie klingen die geistlichen und weltlichen Ohrwürmer auf den Klaviersaiten auch besser. „Mit ihren mitreißenden Improvisationen hinterließen sie beim Publikum den Eindruck als gäbe es nichts Leichteres als Klavier zu spielen“, schrieb die Presse über einen ihrer Auftritte.

 

„Piano Activo“ ist natürlich nicht die erste Musikformation, die aus dem Windsbacher Knabenchor hervorgegangen ist – aber das erste ständig gemeinsam musizierende Improvisationsduo auf dem Klavier. Und das offenbar weltweit, weswegen Jörg und Maximilian hier tatsächlich eine klingende Marktlücke für sich entdeckt haben. Wie jeder Künstler spielt „Piano Activo“ natürlich nicht nur im stillen Kämmerlein. So trat man unter anderem im März 2013 bei den Tagen der Chor- und Orchestermusik in Ulm und Neu-Ulm auf, um sein Können zu präsentieren. Und auch das war, was im Wesen der Improvisation liegt, wie jeder Auftritt von „Piano Activo“ einzigartig...

 



 

 

Jan-Geert Wolff, www.schreibwolff.de